January 29, 2015

Facebook im Neuland

Heute ist so ein Tag, an dem ich am Sachverstand von vielen Mitbürgern extrem zweifele und das inkludiert – ganz bewusst – unsere Regierenden die eine Neuland-Firma wie Facebook “vorladen” um sich zu erklären.

Ebenso die ganze Journaille, die zwar ganz wunderbar von Facebook und Ihrer Werbung lebt, aber Facebook reduziert auf Klatsch und Tratsch und dabei völlig, die Ihr dienende Werbung “ausblendet”.

Das alles hat vorgestern angefangen, als Facebook für 45 Minuten nicht erreichbar ist. Gefühlte 10 Beiträge habe ich im Radio gehört, die zynisch meinten, wie schlimm das ist, wenn man jetzt nicht weiss, dass der Freund sich die Zähne geputzt hat.

Diese Menschen haben wohl bewusst oder unbewusst vergessen (oder noch nie verstanden), dass es immer mehr Services gibt, die Facebook als Authentifizierungsplatform nutzen.

Spotify, ist wohl das bekannteste Beispiel und wenn ich morgens beim Zähneputzen, oder auf der Fahrt zur Arbeit, mich nicht in Spotify einloggen kann (als zahlender Kunde), ja dann hat das durchaus eine Auswirkung auf mein Leben. Und es gibt weit mehr und wichtiger Dienste als Spotify, die von der Verfügbarkeit der Authentifizierung durch Facebook mittlerweile abhängig sind.

Heute aber, wurde das nächste Drama inszeniert: Das böse Facebook ändert morgen seine Datenschutzrichtlinien und was kann man machen um sich dem zu entziehen. Hanebüchene Anleitungen – die meisten ohne Verstand, und vor allem ohne Relevanz, da sie ignorieren, dass die meisten User nicht das “Web” sondern ihre Applikation nutzen.

Die erste nüchterne Feststellung hierzu: morgen wird sich gar nichts ändern! Schon seit geraumer Zeit gibt es nutzungsabhängige Werbung der Firma Facebook. Morgen wird das lediglich (endlich) in der “Privacy Policy” verbrieft und zwar transparent, nicht mehr und nicht weniger.

Wohlwollend kann man darauf hinweisen, dass Facebook hierzu einen 6-monatigen “Dialog” mit seinen Nutzern geführt hat, im Übrigen mit sehr geringer Beteiligung von Benutzern aus Deutschland.

Die Nutzer, die sich heute beschweren sollen mal Ihre Google- oder noch besser Amazon-Historie anschauen. Bei Amazon werden sie sämtliche Artikel finden, die sie jemals bestellt haben, notfalls ist das Kreditkarten-Institut auch eine gute Anlaufstelle um zu verifizieren, wie transparent man ist.

Und wem das noch nicht genügt, kann ja mal bei Organisationen wie der NSA und dem BND anfragen, die eben nicht einmal Datenschutzrichtlinien haben, gegen die man sich auflehnen könnte, aber fleissig Daten sammeln. Schon mal darüber nachgedacht, dass Facebook ein kostenloser Service ist und es jedem überlassen ist ihn zu nutzen, oder eben auch nicht?

Tatsächlich gibt es heute sogar zahlreiche Artikel von mir geschätzten Rechtsexperten, die ernsthaft meinen Facebook könnte nicht eigenständig Ihre Privacy Policy ändern. Das sehe ich als Laie aus der Erfahrung von “Nicht-Digitalen” Firmen anders. Jedes Jahr bekomme ich Schreiben von Versicherungen, Krankenkassen und wem auch immer, dass sich deren Geschäftsbedingungen – natürlich einseitig – geändert haben. Ich habe dann 2 Möglichkeiten:

  1. akzeptieren oder
  2. den Vertrag kündigen.

Das wiederum kann ich auch auf Facebook.com, WhatsApp, Instagram etc. machen : dann kündigt eben Euren Account, aber postet bitte nicht lustige Bilder, dass Ihr den Änderungen widersprecht. Das ist nicht nur doof, sondern lächerlich.

Wie hinlänglich bekannt sein sollte, bin ich kein Rechtsexperte. Wahrscheinlich haben diese Kollegen natürlich recht, dass Facebook nicht im Nachhinein eine Datenschutzrichtlinie ändern darf, deren Änderungen sie schon lange stillschweigend umgesetzt haben. Das mag alles sein, aber wo waren denn die Kläger vor dem morgigen Tag X? Noch einmal: morgen ändert sich nichts(!), es wird nur “verbrieft”, was Facebook schon lange umgesetzt hat: “behavioral advertisement” … nicht mehr und nicht weniger.

Und damit komme ich zum letzten Punkt, nämlich dem Nutzen von dieser Technologie. Ich lebe am Rande von München, also einer Grossstadt. In einem Umfeld von 5 km gibt es 2 (in Worten zwei) Unternehmen, die eine Facebook-Page haben. Eigentlich verwunderlich, da deren Erstellung nichts kostet, im Vergleich zu einer Web-Präsenz, die nicht für “mobile” optimiert ist und meistens nicht gepflegt wird und vergleichsweise wesentlich mehr “traffic” generiert, auch bei älteren Semestern …

Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass genau diese Unternehmen durch eine “targeted” Werbung (bezahlt), auch ausschliesslich Ihre potentielle Klientel ansprechen könnten (und das auch noch für vergleichsweise kleines Geld) und nicht irgendeinen irrelevanten Kunden in Hamburg oder Frankfurt, dann sollten sich genau diese Unternehmen über die Änderungen freuen, und dass sie eben jetzt “verbrieft” werden, noch einmal: nicht mehr und nicht weniger.

Lange Rede, sehr kurzer Sinn. Wir leben im #Neuland. In völliger Unkenntnis der Sachlage, lassen wir uns von Radio-Moderatoren, Journalisten und sogenannten Experten “berieseln” und sogar überzeugen. Dabei scheinen wir zu vergessen, wie viele Arbeitsplätze und Umsätze durch Firmen wie Facebook auch im #Neuland geschaffen werden und werden können. Im besten Fall mehr als eine Ministerin Nahles, mit Ihrem ökonomisch falschen Mindestlohn zeitgleich vernichten kann.

In eigner Sache: wie ich heute auf meinem blog (https://ramgad.com/…/how-to-steer-online-behavioral-adverti…/) geschrieben habe: ich hoffe, dass sich die Algorithmen noch verbessern werden.

Für meine Mutter habe ich vorletzte Woche 3 Flüge in 2015 von Luxemburg nach München gebucht. Überall (nicht nur auf facebook) werden mir jetzt solche Flüge angepriesen. Macht das bitte erst wieder in 2016. Oder Ihr macht es am besten gar nicht, da es nur 2 Airlines gibt die diese Verbindung anfliegen. Oder informiert mich nur, wenn Ihr ein Top-Angebot habt. Und wenn Ihr einen Beitrag von mir lest, dass ich kein Müsli mag, und keine Computer-Spiele, ja dann nutzt das gerne um mich von dieser Werbung zu verschonen. Und wenn Ihr rausfindet, dass ich mir gerne Werbung anschaue, die nur 15 Sekunden dauert, ja dann zeigt mir eben nur diese. Und wenn es hilft, dass ich nicht endlos mit meiner Brille suchen muss, wo ich das Werbefenster schliessen kann, ja dann bin ich auch gerne dabei. Und wenn Ihr dann noch einen Mechanismus findet, der mir auch neue Sachen zeigt, die noch nicht zu meinem Konsumverhalten passen, aber passen könnten, ja dann werde ich rundum glücklich sein!

Letzteres ist nämlich meine einzige Kritik an dem heute verfügbaren System: Es beinhaltet die Gefahr, dass man nur noch angepasste Werbung bekommt, angepasst ans eigene Nutzerverhalten, und das des Freundeskreises, sprich es kann limitierend und beschränkend sein.

Aber die Algorithmen werden stets besser werden und den wichtigen Punkt den die meisten Zeitungsartikel heute vermisst haben, ist die Option die Facebook mir in Zukunft noch verstärkt anbieten wird: nämlich selber zu entscheiden, was mich interessiert (bzw. interessieren könnte) und was nicht.

Ich finde das ist sehr viel Transparenz, die mir Facebook hier als Firma anbietet und ich bin überzeugt, dass sie damit auf dem richtigen Weg sind und wir in wenigen Jahren über die Zeitungsartikel von heute nur milde lächeln werden. Eigentlich wird morgen nur “mehr” Selbstbestimmung verbrieft und das ist auch gut so. Wer glaubt, dass Services wie Facebook keiner Einnahmen bedürfen ist nicht nur naiv, sondern einfach strunzdumm. Dass mir aber Facebook Möglichkeiten gibt, natürlich auch in deren Interesse, Einfluss zu nehmen, Werbung (also deren Einnahmequellen) für mich so angenehm wie möglich zu machen, das ist nichts anderes als Fortschritt!

Ich bin mal gespannt was passiert, wenn das alles so funktioniert, wie ich hier beschreibe, dann sollte mir Facebook nämlich als nächstes eine Cohiba und einen Cognac einblenden mit garantierter Lieferungsmöglichkeit innerhalb von 20 Minuten.

Wahrscheinlicher ist es aber, dass ich wieder Anhänger-Kupplungen sehen werde, weil ich mal vor geraumer Zeit danach gegoogelt habe. Ich sehne mir den Tag herbei, an dem ich Facebook sagen darf: Nein, Anhängerkuppelungen sind nicht mein Thema – habe ich mal gesucht, ist aber nicht aktuell, oder war ein Fehler.

Update 30. Januar 2015
Thomas Hutter hat einen sehr informativen Artikel veröffentlicht “Facebook: Die AGB Änderungen bei Facebook und was uns die grossen Newsportale verschweigen!“, der sehr schön illustriert, dass Facebook nicht die Einzigen sind, die natürlich das Benutzerverhalten auswerten.

Jeannot Muller

Entrepreneur, developer, author.

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